… oder: Die Vogel-Fahndung

Mit einem energischen Ruck riss eine hagere Frau um die Fünfzig die Praxistür auf.
„Gut, dass Sie noch da sind!“, rief sie erleichtert und näherte sich mit großen Schritten der Anmeldung.
Ich ahnte Böses – es war schon spät, und ich hatte mich gerade auf einen faulen Abend vorm Fernseher eingerichtet.
„Was kann ich denn für Sie tun?“, fragte ich die Dame.
„Bei mir im Garten saß gerade eine Taube. Die hat ganz schlimm gehumpelt. Da müssen Sie unbedingt was machen!“, berichtete sie aufgeregt.
„Natürlich!“, versprach ich. „Dann holen Sie sie mal rein.“
„Wie, reinholen? Ich hab die nicht dabei!“, widersprach die Frau gereizt.
„Ach so“, antwortete ich, „und wo ist die Taube jetzt?“
„Weggeflogen!“, antwortete sie und machte sich gar nicht erst die Mühe, ihren Unmut über meine dumme Frage zu verbergen.
„Äh… und wohin ist sie geflogen?“, fragte ich naiv.
„Das weiß ich doch nicht!“, fauchte die Hilfesuchende genervt.
Häh? Und was genau sollte ich jetzt tun?
„Ach, schade! Wenn Sie sie mal wieder sehen und einfangen können, bringen Sie sie ruhig jederzeit vorbei“, bot ich hilfsbereit an.
„Wie, und das ist alles?“, meckerte die Frau. „Ich dachte, Sie kommen mit und versuchen selbst, die Taube einzufangen!“
Klar, ich schnall mir nur gerade noch das Blaulicht auf den Kopf und leg meine Flügel an!
Wie sollte ich denn jetzt bitte diese Taube wiederfinden? Mit einer groß angelegten Suchaktion mit Hilfe der Deutschen Flugsicherung, oder was?
Vielleicht macht ja auch die Luftwaffe mit – die haben doch so tolle Düsenjets mit Wärmebildkameras!
Geduldig erklärte ich der Dame, wie aussichtslos eine Suche nach der armen Taube war – zumal sie ja offenbar einwandfrei fliegen konnte.
„Dann suche ich mir halt woanders Hilfe!“, erklärte sie patzig und stürmte aus der Praxis.
Wo sollte das sein?
Hatte sie vielleicht einen guten Draht zu Superman?
Fast war ich ein bisschen neidisch auf so praktische Beziehungen. Aber natürlich wünschte ich ihr alles Gute bei der Hilfsaktion.